Wir möchten auch morgen noch Hausärzte!

Wenn es um ärztliche oder therapeutische Versorgung geht,  spielt der Hausarzt eine wichtige Rolle, denn nicht nur sein wissenschaftlicher Rat und seine Heilkunst stehen im Mittelpunkt, in erster Linie dreht sich alles um den Patienten selbst. Auch in diesen Zeiten, in denen wir über das Internet Gesundheitsratschläge aller Art einholen können und Regelwerke oder Kontrollsysteme dem Hausarzt das Leben erschweren, bleibt er nach wie vor ein zentraler Akteur. 

Vom 1. Januar 2018 an wird im Gesundheitssektor das sogenannte "e-attest"-Systems eingeführt. Es handelt sich eine elektronische Ausführung der Behandlungsbescheinigung. Sie werden also bald das Sprechzimmer Ihres Hausarztes mit leeren Händen verlassen, da über eine informatische Vernetzung die Verbindung mit unserer Krankenkasse  zur Kostenerstattung hergestellt wird.

Auch wird es neue Anwendungen - auch App’s - im Gesundheitssektor geben. App’s, das sind Computerprogramme, die es dem Nutzer ermöglichen, gewisse Aufgaben auszuführen: Online-Diagnose stellen, Bildaufzeichnungen der Symptome an beratende Fachärzte weiterleiten, usw. 

Diese Anwendungen werden den Hausarztberuf neu definieren. Wie sieht der Arztberuf von morgen aus? Werden wir ihn „Hausarzt 3.0“ nennen? Bis jetzt stehen Hausärzte an erster Stelle, wenn wir Gesundheitsprobleme haben, denn für den Patienten sind sie Bezugsperson und Drehscheibe sowie vertrauter Begleiter. Er verfügt über alle Informationen, um den Patienten optimal zu begleiten. Er kennt seine Krankengeschichte und diejenige seiner Familie. Er kennt seine privaten und beruflichen Probleme; er weiß wie er lebt. Mit der Zeit entsteht zwischen ihm und seinem Patienten ein ausgeprägtes Vertrauensverhältnis.

Wie kann dieses Vertrauensverhältnis weiter bestehen, wenn das Internet mit Ratschlägen und Beratungen auf teilweise widersprüchliche Art und Weise punkten möchten und den Patienten eher zum Konsumenten im Gesundheitsbereich macht,  als dass er Pilot in seiner Krankheit bleibt?

Ist die Einführung der elektronischen Informationen eher ein Fluch oder Segen?

Der emeritierte Professor Francis Zech, ehemaliger Dekan der Medizinischen Fakultät an der UCL, sieht hier eher eine Chance, wie er in einem Interview der französischsprachigen Krankenkassenzeitung „En Marche“ erklärte. Für ihn steht fest: "Insgesamt ist es eine gute Sache, denn die Patienten gehen früher zum Arzt, sie stellen die richtigen Fragen, sind anspruchsvoller und bitten ihn um eine intensive Aufklärung. Das stimmt mich optimistisch. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Antworten und Diagnosen weniger vertrauenswürdig sind. Somit bin ich nicht der Ansicht, dass das Internet eine gefährliche Informationsquelle ist, denn schließlich werden zahlreiche Empfehlungen von Gesundheitsfachleuten unterstützt. Wissen sollte man nicht für sich behalten. Je mehr es durch Personen geteilt wird, desto besser dreht die Welt."

Wir als Christliche Krankenkasse wünschen, dass jeder Patient tatsächlich Pilot seiner Gesundheit wird. Wir unterstützen eine pluralistische Patientenbegleitung, wobei die Beziehung des Einzelnen zu seinem Hausarzt im Vordergrund stehen sollte; die Vorbeugung von Krankheiten und die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden fußt auf eine enge Verbindung zwischen Patient als Versicherter seiner Krankenkasse.

Werden die guten Beziehungen unter den verstärkten Kontrollen leiden?

Wird eine vor kurzem abgegebene Erklärung der föderalen Gesundheitsministerin Maggie De Block dazu führen, dass sich die Beziehungen des Patienten  zum Hausarzt verschlechtern? In dieser Erklärung heißt es, dass die Kontrollen bei den Ärzten, die zu viele Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen, verschärft werden sollen. Auch wenn Missbrauchsvermeidung an sich eine gute Sache ist, sollte das ausgewogene Gleichgewicht zwischen dem Vertrauensverhältnis des Arztes zu seinem Patienten und die therapeutische Freiheit desjenigen, der seinen Patienten gut kennt, unangetastet bleiben.

Sind Zulassungsbeschränkungen für Studenten eine sinnvolle Lösung?

Der Hausarzt ist ein maßgebliches Bindeglied in unserer medizinischen Begleitung, Grund genug, dass dieser Ärztestand flächendeckend zur Verfügung steht. Anfang September präsentierten sich die Kandidaten für das Medizinstudium im Eingangsbereich der Brussels Expo: die Anwärter erschienen zahlreich, aber nur wenige wurden zugelassen. Und die Zugelassenen werden sich wohl eher in der einen oder anderen Fachrichtung ausbilden lassen, zum Leidwesen der Allgemeinmedizin. Zulassungsbeschränkungen im Medizinstudium sind sicherlich wichtig, wenn es um ein geregeltes  Versorgungsangebot geht, da sie insbesondere das Risiko einer Kosteninflation für die Sozialsicherheit in Grenzen hält. Auf der anderen Seite darf eine flächendeckende Versorgung mit Allgemeinmedizinern nicht in Frage gestellt werden. 
Es kann nur immer wieder auf eine ausreichende Basisversorgung hingewiesen werden. In den Augen der CKK  geht es in erster Linie um die Begleitung und Förderung der Allgemeinmedizin:  Unterstützung der Hausärzte durch Verwaltungsangestellte, Förderung von Gemeinschaftspraxen, multidisziplinäre Zusammenarbeit, Verbesserung von Wochenend- und Nachtdiensten, usw… Darüber hinaus müssen die medizinischen Fakultäten ein Bewusstsein zur Aufrechterhaltung einer Versorgung durch Allgemeinmediziner fördern und fest verankern. 
Die Öffentlichkeit muss durch Sensibilisierungskampagnen für die Rolle des Hausarztes sensibilisiert werden.

Elisabeth Degryse, CKK-Nationalsekretärin